Für die Triennale Ulmer Kunst 2023 häufte der aus Frankreich stammende und in Ulm lebende Künstler PATRICK NICOLAS 70 nummerierte und signierte, großformatige Siebdrucke mit Schwarz-Weiß Abbildungen einer gewellten Wasseroberfläche zu einer Art “Schutthalde” an - eine Sturzflut zerknittert-zerdrückter kunstvoll geknickter und verbogener, aufgeschichteter Papiere, die sich in den Ausstellungsraum ergoss. Die Papiere schienen aus der Ecke hervorzusprudeln und bogen sich kunstvoll zu Wellenformen. Nach einem neuerlichen “Jahrhunderthochwasser” Ende Mai 2024 in Süddeutschland mit überfluteten Dörfern, Wohnsiedlungen, Straßen und Landstrichen und den damit verbundenen Zerstörungen von Hab und Gut, weckt diese Installation Assoziationen an Schwemmgut und Unrat und all den angehäuften Müll aus den gefluteten Kellern und Haushalten. Der Schuttberg aus Papieren mit Wassermotiven wird durch das Ereignis der Hochwasserkatastrophe zu einem ökologischen Mahnmal und einem Sinnbild der Gefahren der Klimakrise - auch ohne, dass der Künstler dies bewusst intendiert hätte. Bei Patrick Nicolas kann die Installationsarbeit der 70 Siebdrucke mit Wassermotiven immer wieder verschiedene Formen annehmen - ausgebreitet auf dem Boden wie ein See, zu einem Paket gefaltet und gestapelt, zerknüllt oder klassisch in einer Reihe aufgehängt.
Wir horchen staunend auf, wenn eine Nasa-Sonde Wasser auf dem Mars entdeckt haben soll - aber wir haben verlernt zu staunen über das Wasser, das bei uns so selbstverständlich aus dem Hahn fließt.
Horst Köhler
Für den Künstler ist es nicht die konservierte Momentaufnahme einer Wasserfläche, die dieses Werk ausmacht, sondern die Art und Weise, wie es im Raum inszeniert wird. Durch die jeweilige temporäre Installation wird in der Regel eine vollständige Produktion von Siebdrucken insofern zerstört, als die Blätter danach meist nicht mehr wiederverwendbar sind. Für die Siebdrucke legt Nicolas eigene Codes fest, die für ihn mehr als nur eine Signatur darstellen. Durch die Schriftfelder erinnert das gerahmte Wasserabbild an eine technische Zeichnung mit Produktdokumentation oder an einen Architekturplan Nicolas konfrontiert auf diese Weise das Planerische und streng Regelhafte mit dem Unbändig-Unkontrollierbaren des Wassers: das er als Künstler-Demiurg in sein bildnerisches “Reißbrett”zitathaft einspannt. Das Wasser, das für unaufhaltsame Bewegung: Veränderung, Wandel und auch zerstörerische Gewalt steht, ist nicht nur als fotografierter und reproduzierter Bildausschnitt auf dem Papier gebändigt und zu einer Momentaufnahme eingefroren, es wird zugleich durch das Auftürmen der Drucke als eine den menschlichen Lebensraum flutende Bedrohung erlebbar. Dadurch erst erhält die aufwändige Produktion der Siebdrucke Ihren Sinn, ihre evokative Kraft und ihr poetisches Potential. Nicolas sieht in diesen raumplastischen Installationen auch eine Metapher auf sein - unser - Leben: “Das Bild einer Wasseroberfläche ist ein Spiegel. Was ich bin und denke, reflektiert sich. Es gibt bestimmt einen Moment, an dem man in diesen trüben Gewässern verschwinden muss, aber Narziss hat dort sein Bild verloren. Das Fotografieren einer Wasseroberfläche ist ein einmaliger, eingefrorener Moment. Das Wasser spiegelt ein mehr oder weniger verzerrtes Bild von uns selbst wider - das Wasser ist wie unsere Psyche, mehr oder weniger beruhigt oder unruhig. Überqueren, Horizont wechseln. In ständiger Bewegung sein.”
In Katalog zur Ausstellung in der
Galerie der Stiftung BC - pro arte
26. September bis 22. November 2024
Geflutet
Wasser, Welle, Woge in der Kunst bis heute
Katalog zur Ausstellung in der
Galerie der Stiftung BC - pro arte
26. September bis 22. November 2024
Herausgeber
Stiftung BC - pro arte
Kreissparkasse Biberach
Redaktion und Konzeption
Dr. Barbara Regina Renftle
© 2024 Herausgeber und Autoren